Biz - Wir - εμείς

Ein kommentiertes griechisch-türkisches Freundschaftsspiel.

Musikalische Lecture-Performance.
Ort: Münchner Kammerspiele/Werkraum.
Premiere: 17.02.23, 20.00 h --> Tickets.

Weitere Aufführungen:
18.02.23, 20.00 h --> Tickets.
17.05.23, 20.00 h.

Künstlerische Leitung: Tuncay Acar, Costas Gianacacos.
Produktionsleitung: Alina Götzlich.
Dramaturgische Begleitung und künstlerische Produktionsleitung MK: Sebastian Reier, Daniela Schroll.
Video: Gene Aichner.
Illustration: Can Temizgezek.
Musik: Chrisa Lazariotou, Bora Yıldız, Soner Aksan, Ufuk Bakırdöğen, Georgios Pisiotis.

Mit freundlicher Unterstützung von der Kunsthalle Baden Baden und der Stiftung Federkiel.

 

Kooperationspartner:
Real München e.V., Münchner Kammerspiele.

Das türkisch-griechische Verhältnis ist geprägt von einer reichen gemeinsamen Kultur — aber auch von traurigen politischen Prozessen. Der Brand der Metropole Smyrna/Izmir an der anatolischen Westküste im September 1922 bedeutete Tod, Vertreibung und Leid für fast 2 Millionen Menschen und prägt deren Nachfahren bis heute. Dies mündete in die Gründung der Türkischen Republik, die im Jahr 2023 ihren hundertsten Geburtstag feiert. Mit den Anwerbeabkommen Anfang der sechziger Jahre kamen tausende Griech*innen und Türk*innen nach München. Nach offiziellen Zahlen leben in München ca. 38.000 türkische und 27.000 griechische Staatsbürger*innen. Inklusive derjenigen, die mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, dürften die Zahl der türkisch-/griechisch-stämmigen Bürger*innen noch wesentlich höher liegen. Man geht von 8-9 % der Stadtbevölkerung aus, die türkischen oder griechischen Hintergrund haben. Das Zusammenleben dieser Menschen ist in München geprägt durch Kooperation und einem lebendigen Miteinander, was hinsichtlich der bewegten und teilweise tragischen Geschichte, die diese Völker verbindet, nicht selbstverständlich erscheint.
Dies wollen die Münchner Künstler Costas Gianacacos und Tuncay Acar nutzen. Sie entwickeln “Biz - Wir - εμείς (Emeis)” — eine musikalische Lecture-Performance, welche die historischen Ereignisse und ihre Folgen für die Gegenwart verständlich macht und Narrative neu formuliert.

> Im Programm der Kammerspiele

> Weitere Info

Das türkisch-griechische Verhältnis ist geprägt von einer reichen gemeinsamen Kultur — aber auch von traurigen politischen Prozessen. Der Brand der Metropole Smyrna/Izmir an der anatolischen Westküste im September 1922 bedeutete Tod, Vertreibung und Leid für fast 2 Millionen Menschen und prägt deren Nachfahren bis heute. Dies mündete in die Gründung der Türkischen Republik, die im Jahr 2023 ihren hundertsten Geburtstag feiert. Mit den Anwerbeabkommen Anfang der sechziger Jahre kamen tausende Griech*innen und Türk*innen nach München. Nach offiziellen Zahlen leben in München ca. 38.000 türkische und 27.000 griechische Staatsbürger*innen. Inklusive derjenigen, die mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, dürften die Zahl der türkisch-/griechisch-stämmigen Bürger*innen noch wesentlich höher liegen. Man geht von 8-9 % der Stadtbevölkerung aus, die türkischen oder griechischen Hintergrund haben. Das Zusammenleben dieser Menschen ist in München geprägt durch Kooperation und einem lebendigen Miteinander, was hinsichtlich der bewegten und teilweise tragischen Geschichte, die diese Völker verbindet, nicht selbstverständlich erscheint.
Dies wollen die Münchner Künstler Costas Gianacacos und Tuncay Acar nutzen. Sie entwickeln “Biz - Wir - εμείς (Emeis)” — eine musikalische Lecture-Performance, welche die historischen Ereignisse und ihre Folgen für die Gegenwart verständlich macht und Narrative neu formuliert.
Welche konkreten historischen Geschehnisse sind gemeint? Sie sind zahlreich und erstrecken sich zeitlich über das letzte Jahrhundert und ereigneten sich geographisch in einer Region, die vom Balkan, über das griechische Festland, das Mittelmeer bis an die Grenze zwischen Anatolien und dem Nahen Osten reicht. Das zentrale Thema dieses Projektes markiert gleichzeitig auch einen markanten Wendepunkt in der neuzeitlichen Geschichte Europas: der berüchtigte Brand der Metropole Smyrna/Izmir an der anatolischen Westküste, deren überwiegend griechische Bevölkerung im Zuge der Kriegs Vorkommnisse im Jahr 1922 fast komplett aus der Stadt getrieben wurde. In der griechischen Literatur wird dieses Ereignis immer noch als die „Kleinasiatische Katastrophe“ bezeichnet. Die Türk*innen sehen darin hingegen die endgültige Befreiung ihrer Heimat aus dem Griff der imperialen Mächte.

Das historische verhältnis beider Völker ist tatsächlich geprägt von Krieg, Vertreibung und Rivalität. Doch sind die historischen Fakten den wenigsten Münchner*innen bewusst, denn diese Spannungen treten im Alltag der Stadt kaum zu Tage. In München herrscht bekanntlich ein gutes Verhältnis zwischen türkischstämmigen und griechischstämmigen Bürger*innen vor. Das hat seine Gründe.

Die Bayerische Landeshauptstadt war Dreh- und Angelpunkt für Ankunft und Weiterreise von hunderttausenden Gastarbeitern zu Zeiten des Anwerbeabkommens. Die Arbeitsmigration brachte es mit sich, dass die Nachfahren der beiden ehemaligen Kriegsparteien sich nun in München als Kolleg*innen in ihren neuen Arbeitsstätten und als Nachbarn trafen. Nun hatten sie in ihrer neuen Wahlheimat die Möglichkeit, sich über ihre Erinnerungen und auch über ihre Traumata auszutauschen. Dies geschah sowohl unmittelbar im Privaten als auch auf politischer Ebene in Vereinen, Parteien und Gewerkschaften. Aber auch auf kultureller Ebene tat sich viel: So waren Griech*innen beim Aufbau der Türkischen Filmtage im Gasteig beteiligt und umgekehrt. Es gab regelmäßig stattfindende Veranstaltungen wie zum Beispiel die Tage der Türkisch-Griechischen Freundschaft. Türkisch- und griechisch-stämmige Musiker*innen sind es in München seit Jahren gewohnt, gemeinsam aufzutreten und die gemeinsamen Volkslieder in beiden Sprachen aufzuführen.
Trotzdem begleiten viele Münchner*innen mit griechischer oder türkischer Abstammung die Traumata ihrer Vorfahren bis zum heutigen Tag. Mit ihnen umzugehen ist gar nicht so leicht, wie es oft scheint. Nationalidentitäre Umfelder bieten mit einseitigen Sichtweisen leider den scheinbar einfachsten Weg. Auch haben viele Vertreter*innen der deutschen Mehrheitsgesellschaft wenig Ahnung darüber, welche Rolle die zentraleuropäischen Mächte und vor allem Deutschland im historischen Prozess gespielt haben.
Dieses Projekt von Costas Gianacacos und Tuncay Acar will die vorherrschende vertrauensvolle Basis nutzen, um im gemeinsamen Miteinander einen Schritt weiter zu gehen. Die schmerzlichen Themen der gemeinsamen Geschichte werden performativ beleuchtet. Biz - Wir – εμείς versucht, eine Möglichkeit eines gemeinsamen Erinnerns zu schaffen. Vielleicht entsteht eine Erzählung, die in die Zukunft weist und sich mutig mit allen vorhandenen Perspektiven beschäftigt, sie ernst nimmt und ehrlich nebeneinander stellt.
Es soll hier nicht um eine politische, oder historische Verurteilung von Nationen, Personen oder Bevölkerungsgruppen gehen, sondern lediglich um den Versuch, kollektive und individuelle Erinnerungen und Traumata zu verarbeiten, zu archivieren und emotional greifbar und verwaltbar zu machen - sowohl für die hiesige Mehrheitsgesellschaft, als auch für die griechisch- und türkischstämmigen Menschen selber.

> Historischer Abriss & Vorgeschichte

Ein historischer Abriss der türkisch-griechischen Geschichte bedeutet gleichzeitig eine Reise durch die Epochen. Im Grunde geht es um einen demographischen Wandel, der sich fast über ein Jahrtausend über das gesamte anatolische Festland, weiter nach Griechenland bis nach Mazedonien und den Balkan zieht. Geprägt ist er durch wichtige historische Ankerpunkte, wie die ersten Übernahmen der antiken griechischen und byzantinischen Metropolen durch die vorosmanischen türkischen Stämme nach der Schlacht von Malazgirt 1071. Darauf folgt die allmähliche Eroberung des anatolischen Zentralmassivs und schließlich auch Konstantinopels durch die Osmanen (im Jahre 1453), was im allgemeinen den Beginn der Renaissance markiert. Die damalige Abwanderung der Kulturelite aus der ehemaligen oströmischen Hauptstadt trug wesentlich zur Entwicklung der toskanischen Kunstzentren bei. Der mit diesem Ereignis einhergehende Verlust des spirituellen Zentrums Konstantinopel samt Hagia Sophia und dem Sitz des griechisch-orthodoxen Patriarchats lastet immer noch sehr auf der Seele der Griech*innen, denn es ging eben nicht nur um ein profanes Herrschaftszentrum (die Hauptstadt des Oströmischen Reiches und Byzanz), sondern vielmehr um „die Stadt der Städte“. Sie war und ist schließlich bis heute auch der Hauptsitz einer gesamten christlichen Konfession, nämlich der griechisch-orthodoxen Kirche. Wenn man bedenkt, dass das Christentum auf dem Weg vom Nahen Osten nach Europa sich auf dem anatolischen Festland jahrhundertelang etabliert hatte und sich hier mittlerweile die wichtigsten christlichen Religionszentren befanden – so zum Beispiel Ephesos, Myra, Trapezunt etc., dann kann man sich vorstellen, dass damit auch die gewaltsame Abnabelung von der eigenen urchristlichen Heimat einherging. Bis heute wirkt die Ausstrahlung, welche von dieser Stadt ausgeht für die neugriechische Identität nach. Sie ist ein markanter Topos in der Literatur, der Musik, generell in allen Künsten. Ein einfaches Bespiel diesbezüglich sind die so vielen Sportklubs in Athen oder Thessaloniki, die sich der Konstantinopeler Tradition verbunden sehen (AEK Athen, PAOK Thesssaloiniki, Ionikos oder Panionios Athen). Das Wappen der Griechisch-Orthodoxen Kirche ist nach wie vor der doppelköpfige Adler, wie auch das Wappen des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass sich ein Wandel in der Bevölkerungsstruktur einer Region vollzieht, die über die Jahrhunderte geprägt war durch die Kultur der griechischen Stadtstaaten, der römischen Kaiserzeit, der Ausbreitung des Christentums und zu guter letzt des byzantinischen Reichs.

Nach der Eroberung Konstantinopels folgte nunmehr eine fast 400 Jahre dauernde Fremdherrschaft der Osmanen in Griechenland. Diese wurde durch eine europäische Allianz unter Führung von Otto Friedrich Ludwig von Wittelsbach (Sohn Ludwig des I. von Bayern) erfolgreich beendet. Dieser wurde tatsächlich für einige Jahre als König Otto I. von Griechenland installiert. Von diesen Kämpfen in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts zeugen übrigens die Skulpturen im Giebel an der Westseite der Propyläen am Königsplatz in München.

Aber auch danach herrschte in der gesamten Region vom nahen Osten bis in den Balkan fast durchgehend Krieg. In Deutschland denkt man dabei lediglich an den 1. Weltkrieg. Die osmanische Bevölkerung hingegen wurde lange vorher schon durch die Balkankriege gebeutelt. Der 1. Weltkrieg, an welchem das osmanische Reich an der Seite der Deutschen teilnahm, forderte ebenfalls große materielle und menschliche Opfer. Vor allem an der Ostfront zu Russland starben hunderttausende schlecht ausgerüstete osmanische Soldaten jämmerlich. Im Nahen Osten ging die Rechnung der Deutschen nicht auf, die arabischen Stämme durch eine Fatwa des osmanischen Kalifen gebündelt für die eigene Sache und gegen die Engländer zu gewinnen. Der englische Geheimdienst wartete mit schlaueren Strategien und geschickteren Agitator*innen (z.B. Gertruede Bell und Lawrence von Arabien) auf und konnte die Massen im Nahen Osten effektiver für sich mobilisieren.

Als somit die militärische Kooperation zwischen Osmanen und Deutschen mit der Kapitulation zusammenbricht, ist der Krieg in Anatolien jedoch immer noch nicht beendet. Ganz im Gegenteil — es beginnt völlig unverhofft ein verzweifelter Kampf um die pure Existenz: Mustafa Kemal Atatürk, der als Offizier im 1. Weltkrieg bei der Schlacht an den Dardanellen gegen die Engländer große Erfolge feierte, nutzt die Gunst der Stunde und setzt alles auf eine Karte. Von der osmanischen Regierung nach Anatolien beordert, um die Entwaffnung der osmanischen Einheiten im Zuge der Kapitulation von Moudros 1918 durchzusetzen, führt er nun zum Erstaunen aller beteiligten Kriegsparteien genau das Gegenteil durch. Er organisiert eine Volksguerilla, beraumt mit den restlichen politischen und militärischen Akteur*innen Volksversammlungen ein, gründet ein Feldparlament, organisiert bewaffnete Einheiten und beginnt unter widrigsten Umständen einen Befreiungskampf gegen die imperialen Mächte der Alliierten in Gegenposition zur osmanischen Reichsführung, die nach der Flucht der jungtürkischen Elite ins deutsche Exil nun völlig demoralisiert war und die Kolonisation in Kauf genommen hatte.

Die Königlich-Griechische Armee hingegen lässt sich nun unter dem Einfluss panhellenischer National Phantasien dazu hinreißen, als Vorhut der Alliierten gegen die türkischen Befreiungskräfte vorzugehen. Im Zuge ihres Vormarsches kommt es zu etlichen gewaltsamen Übergriffen und Massakern an der türkischen Bevölkerung in Anatolien. Jedoch sind die militärischen Erfolge nur von kurzer Dauer. Spätestens seit der großen Schlacht von Sakarya 1921 setzen sich die separatistischen türkischen Kräfte unter der Führung Atatürks durch. Im September 1922 kommt es somit zur sogenannten „Kleinasiatischen Katastrophe“, dem Brand von Izmir/Smyrna, der zu äußerst gewaltsamen Übergriffen und zum Tod von tausenden griechisch-stämmigen Zivilist*innen führte. Im Zuge dieses schrecklichen Ereignisses verlassen von ihnen Hals über Kopf das Osmanische Reich und müssen dabei zum Großteil ihren gesamten Besitz und ihre angestammte Heimat zurücklassen.

Mit der Einnahme von Izmir setzt sich die kemalistische Linie nun auch den Alliierten gegenüber durch. Ein neuer Friedensvertrag wird in Lausanne abgeschlossen und der Gründung der Türkischen Republik 1923 steht nichts mehr im Wege. Jedoch erfolgt nun ein weiteres folgenschweres historisches Ereignis: es wird ein Völkeraustausch zwischen Griechenland und der Türkei vereinbart, der auch unverzüglich durchgeführt wird. Somit werden auch die restlichen verbliebenen Familien (ca. 1,2 Millionen anatolische Griech*innen und ca. 400.000 Türk*innen aus Griechenland und Mazedonien) zu heimatlosen Vertriebenen gemacht, die nun in einer neuen, ihnen völlig fremden „Heimat“, ihre Existenzen komplett neu aufbauen müssen. Dies hat die Wirkung einer ethnischen Säuberung auf beiden Seiten. Die griechischen Rembetiko-Lieder sind lebendige Zeugen dieser Zeit und vor allem der beschwerlichen Jahre danach, in denen die anatolischen Griechen auf dem griechischen Festland als unerwünschte Menschen 3. Klasse ihr Dasein fristen müssen. Zu einer allgemeinen Etablierung ihrer Kultur kommt es erst in den 80er Jahren, aber sie haben es stellenweise bis in die Gegenwart noch mit Ressentiments zu tun. Lediglich die Konstantinopeler Griechen dürfen in ihrer Heimatstadt verbleiben.

Auf der Gegenseite haben sich die griechischen Muslime in Westthrakien (Xanthi, Komitini und anliegende Dörfer) dem Bevölkerungsaustausch erfolgreich verweigern können. Sie dürfen jedoch ihren Grundbesitz nicht im Katasteramt eintragen lassen und auch ihren Besitz nicht ohne Probleme veräußern. Erst in den 1990ern werden ihnen ihre staatsbürgerlichen Rechte in vollem Umfang eingeräumt. Die Diskriminierung geht aber bis in die Gegenwart weiter. Die Benachteiligung wirkt sich auch auf der Ebene der Kulturgüter aus. Die kulturellen Relikte der Osmanen werden über die Jahrzehnte systematisch ihrem Schicksal überlassen und damit faktisch getilgt. Ausnahme ist eine Moschee des großen osmanischen Baumeisters Sinan in Trikala oder das Imaret (Krankenhaus) in Kavala.

Auch das schwer geschädigte Vertrauensverhältnis zwischen griechischen und türkischen Bürger’innen in Istanbul kann sich leider nicht mehr erholen. Während der 40er Jahre werden dort die Minderheiten mit einer völlig unverhältnismäßigen Sondersteuer (Varlık Vergisi) belastet, was viele Geschäftsleute in die Insolvenz und ins existentielle Aus drängt. Außerdem werden während dem 2. Weltkrieg Arbeitscamps für Angehörige der Minderheiten eingerichtet, was sehr an die parallel in Deutschland laufende Entwicklung unter den Nationalsozialist*innen erinnert. In den 50ern und 60ern kommt es dann zu schweren gewaltsamen Übergriffen, Enteignungen, Plünderungen, die meist vom türkischen Geheimdienst orchestriert werden. Auch diese Ereignisse führen zur Flucht von tausenden konstantinopler Griech*innen.

Momentan leben nur noch ca. 2500 griechischstämmige Menschen in Istanbul. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat befindet sich jedoch immer noch im Viertel Fener am goldenen Horn.

Die vormals vorwiegend griechisch besiedelten Istanbuler Viertel Kurtuluș, Tarlabașı, Dolapdere, Fener werden sukzessive von übersiedelnden Familien aus dem Südosten der Türkei übernommen. Dabei werden auch historische Bauten und Privatimmobilien nach den Pogromen der 50er und 60er einfach besetzt. Die Eigentumsverhältnisse von vielen dieser Gebäuden sind immer noch nicht geklärt. Die meisten von ihnen werden deswegen über die letzten Jahrzehnte kaum instand gesetzt. Mit einem neuen “Stadtplanungsgesetz” und einem getarnten generellen Bebauungs- und Restaurierungsplan versucht die Regierung seit Jahren, diese historischen Gebäude in den Besitz von wohlhabenden Immobilienkunden übergehen zu lassen. Im Viertel Tarlabașı ist das zu einem beträchtlichen Teil schon gelungen. Die bisherigen Anwohner*innen, die vorwiegend aus sozialen Unterschichten stammen, werden somit aus dem Stadtzentrum vertrieben und müssen an die Stadtränder ausweichen.

1974 kommt es schließlich zu einer weiteren Krise, die das Verhältnis zwischen beiden Völkern schwer belastet: Die Zypernkrise, die sich schon seit den 50er Jahren anbahnt, eskaliert endgültig und die Türkei besetzt den nördlichen Teil der Insel, der vorwiegend von türkischstämmigen Menschen bewohnt wird. Es kommt zu kriegerischen Auseinandersetzungen. In der Folge ruft die türkische Seite die Republik Nordzypern aus, die jedoch von keinem Mitgliedstaat der Vereinten Nationen anerkannt wird, außer der Türkei. Langjährige Verhandlungen zur Vereinigung der Insel unter einem gemeinsamen Staatsgebilde scheitern. Die Zypernfrage entwickelt sich seitdem zu einem zu einem spannungsgeladenen Dauerbrenner und einer verlässlichen Quelle für politische Agitation und Polemik auf beiden Seiten.

Die letzte große Krise entstand während der Pandemie  im Zuge von Erdgas-Sondierungen im Mittelmeer, die auf vielversprechende Vorkommen im Gebiet zwischen den griechischen Inseln und der Türkei schließen lassen. Neben dem Erdgas geht es vor allem auch um den Status der Inseln, der im Lausanner-Vertrag leider unzureichend definiert ist. Die Regierungen in Ankara und Athen konnten sich bisher vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag nicht auf eine gemeinsame Linie zur Beilegung des Konfliktes einigen. Somit trüben offene Fragen nach wie vor die Beziehungen beider Länder. 

> Die Künstler*innen

Künstlerische Leitung / Stimme:

Costas Gianacacos ist Mitinitiator des Projektes. Der Autor, Lyriker, Publizist, hat in München die Griechischen Filmwochen und die Türkischen Filmtage, den Babel Verlag mit aufgebaut. Er hat die Tage der Türkisch-Griechischen Freundschaft mitinitiiert und war lange Jahre der Leiter des Griechischen Hauses im Westend in München. Als Stadtratsmitglied war er auch in der Kommunalpolitik tätig.

Tuncay Acar ist Mitinitiator des Projektes. Der Musiker, Dj, Blogger und Kulturaktivist hat in Istanbul und München Klassische Archäologie studiert, beschäftigt sich leidenschaftlich mit Geschichte und modieriert im Habibi Kiosk der Münchner Kammerspiele die Talkreihe Dies Das.

Musik:

Chrisa Lazariotou hat ihre musikalische Ausbildung im städtischen Konservatorium in ihrer Heimatstadt Servia in Griechenland angefangen und lernte dort klassische Gitarre und klassische Harmonie. In Deutschland hat sie ihr Masterstudium in Weltmusik im Center for World Music, Hildesheim abgeschlossen.

Ufuk Bakirdöğen (Klarinette) ist Autodidakt und lebt seit 2013 in München und macht Musik in verschiedenen Projekten.

Soner Aksan ist ein Münchner Allroundmusiker und Percussiost. Seit 2019 spielt er Gitarre bei Café Taksim und seit 2020 begleitet er als Drummer und Perkussionist die Band Eskises.

Bora Yıldız ist ein autodidaktischer Multiinstrumentalist und Sänger.
Bora Yıldız, der sich 2015 in München niederließ, gab verschiedene Konzerte mit der Band Babolar, die Songs im türkisch-psychodelischen Stil produzierten und auf Festivals auftraten. Zusammen mit Ufuk und Soner gründete er 2020 die Band Eskises, mit der er aktuell regelmäßig auf der Bühne steht. Bora Yildiz veröffentlichte 2021 sein erstes Soloalbum „Puff“.

Nikos Pisiotis (Bouzouki) ist ebenfalls ein Autodidakt und Mitbegründer der Münchner Band Pnema, die griechische Lieder darbietet.

Projektion / Videokunst:

Michael 'Gene' Aichner alias Genelabo, setzt seit 22 Jahren, mit ausgefallenen Projektionen visuelle Akzente (Diainstallationen, Gebäudeprojektionen, interaktive Installationen, Live Konzerte & Videomapping).

Illustration:

Can Temizgezek
Der Illustrator und Grafiker arbeitete für diverse Satirezeitungen der Türkei, bevor er 2016 nach München kam. Seitdem lebt und arbeitet er in der Bayerischen Landeshauptstadt. Seine letzte Ausstellung “Post-Corona-Syndrom” fand im Habibi Kiosk der Münchner Kammerspiele im Jahr 2021 statt.

Biz - Wir - εμείς
Credit: Can Temizgezek

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